Den Himmel stürmen

Nach der Kundgebung gegen die Kammwegklause in Erfurt findet am Donnerstag im Veto ab 20 Uhr eine Veranstaltung zu Operaismus statt. Um das Interesse daran zu entflammen, veröffentlichen wir folgend eine Rezension des 2005 erschienenen Buches „Den Himmel stürmen – eine Theoriegeschichte des Operaismus“.

Den Himmel stürmen – Aspekte eines Kampf-Zyklus und einer großen Niederlage

Üblicherweise gilt Frankreich als Zentrum der 68′er-Revolte – hatten sich doch hier die Kämpfe in den Fabriken mit der Studentenbewegung zur „Bewegung der Besetzungen“ verbunden, die schließlich sogar in einem Generalstreik landesweit die Produktion lahmlegte. Demgegenüber werden die Kämpfe, die nach 1968 in Italien stattfanden, oft vergessen – und das obwohl hier das Bündnis zwischen linksradikaler Studentenbewegung und nicht-normierten Klassenkämpfen in den Fabriken viel weiter ging und sich die Kämpfe beinahe über ein Jahrzehnt erstreckten, die schließlich in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. In den 60′er und 70′er Jahren entstand in Italien eine Bewegung, die ihre Höhepunkte 1969 und 1974 hatte. Auf der einen Seite wurden vor allem im Norden Italiens extrem militante Kämpfe in den Fabriken geführt, die sich jenseits der üblichen Organisationsformen von Partei und Gewerkschaft Bahn brachen und in deren Rahmen teilweise Forderungen gestellt wurden, die einen Ruin der Kapital-Seite bewusst in Kauf nahmen. Teilweise wurden überhaupt keine Forderungen gestellt, sondern einzig die Zerstörung der Lohnarbeit anvisiert: „Wir wollen Alles.“ Auf der anderen Seite entwickelte sich eine eher subkulturell geprägte Strömung, die die Lebensbedingungen außerhalb der Fabrik ins Visier nahm – eine vielseitige Bewegung, die in den Schulen, an den Universitäten, in der Psychatrie und im Gefängnis, in den Stadtteilen und in Form von Hausbesetzungen kämpfte. Dieser radikale Kampf-Zyklus endete schließlich in einer fatalen Niederlage – die Konfrontation mit dem Staat hatte sich zugespitzt und ein Teil der Bewegung hatte geglaubt, den Kampf durch die Bildung spezialisierter bewaffneter Gruppen militärisch entscheiden zu können. Noch in diesem Stadium zeigt sich der Unterschied zu anderen europäischen Ländern: während sich bspw. die RAF größtenteils aus einem studentisch-kleinbürgerlichen Milieu rekrutiert hat, waren die Mitglieder der „Brigate Rosse“ (Rote Brigaten) vorwiegend selbst Fabrikarbeiter. Der italienische Staat sollte schließlich zu einem Schlag aushholen, der sich nicht nur gegen die bewaffneten Gruppen sondern gegen die Kämpfe insgesamt richten sollte und der Konflikt militarisierte sich immer mehr. Am Ende konnte sich der Staat in diesem Konflikt mit Hilfe von Sondergesetzgebungen und faschistischen Gruppen durchsetzen, zahlreiche Genoss_innen verloren das Leben, Tausende landeten in den Knästen.

Den konzentriertesten theoretischen Ausdruck dieser Kämpfe entwickelten die sogenannten Operaisten – ursprünglich eine abfällige Fremdbezeichnung im Sinne von „Arbeitertümler“, später eine Selbstbezeichnung. Diese theoretische Strömung entwickelte sich vor allem um zahlreiche Zeitschriftenprojekte wie z.B. „Quaderni Rossi“, „Classe Operaia“, „Lotta Continua“ und „Primo Maggio“. Die bekanntesten Autoren die in diesen Kreisen wirkten sind Raniero Panzieri, Mario Tronti, Toni Negri und Sergio Blogna. Dabei war der Operaismus (im Unterschied etwa zur Kritischen Thorie Frankfurter Prägung) keineswegs eine homogene Theorieströmung – im Gegenteil besteht die Geschichte des Operaismus in unzähligen Disputen und Spaltungen. Gemeinsam war dieser Generation junger marxistischer Intellektueller, dass sie Ende der fünziger Jahre früh erkannten, dass sich vor allem durch die Migrationsbewegung aus dem Süden Italiens im italienischen Norden grundsätzliche Veränderungen in der Arbeiterklasse ergaben. Sie erkannten, dass die neuen Arbeitsbedingungen mit dem Einzug eines modernisierten Fordismus in Italien völlig neue Bedingungen der Klassenauseinandersetzung hervorbrachten, die von den etablierten Institutionen der Arbeiterbewegung überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurden. So erforschten sie Klassenkämpfe, die sich jenseits der etablierten und eingespielten Rituale wie unter der Oberfläche abspielten und sie entdeckten den „Massenarbeiter“, der im Gegensatz zum alten Facharbeiter seiner Arbeit völlig fremd war und so auch viel destruktivere Kampfesformen entwickelte.

Das Buch „Den Himmel stürmen – eine Theoriegeschichte des Operaismus“, bereits 2005 bei Assoziation A erschienen, rekonstruiert die Auseinandersetzungen und Forschungsbemühungen der Operaisten vor allem anhand des Begriffes der „Klassenzusammensetzung“. Dieser Begriff kennzeichnet einerseits den Umstand, dass Klasse nie ein statischer Block ist, sondern sich ständig in Bewegung befindet und mit jedem Modernisierungsschub, mit jedem neuen Akkumulationsregime neue Arbeiter-Typen hervorbringt. Wichtig für die Operaisten war es andererseits zu zeigen, dass die Klassenzusammensetzung vor allem auch durch die Anforderungen der Maschinerie bedingt ist. Sie kämpften gegen den Mythos von der Neutralität der Technik und waren der Überzeugung, dass Techniken der Produktion immer auch als Machtmittel gegen Klassenkämpfe eingesetzt werden (etwa durch die Zergliederung eines Produktions-Sektors, die einerseits eine technische Effizienz hervorbringt, andererseits eine Konzentration von Arbeitskräften in einem Raum, in dem die gemeinsame Betroffenheit sinnlich erfahrbar wird, verhindert). So wie technische Innovationen immer auch Machtmittel sind, so bringen sie andererseits immer wieder neue Kampfesbedingungen hervor, die das Kapital nie ganz beherrschen kann – die Operaisten zeigen, dass Kapitalakkumulation niemals ohne Konflikte vonstatten gehen kann, auch wenn diese nicht immer für jeden sichtbar sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Operaismus besteht darin zu zeigen, dass die Bewegungen des Kapitals kein vollkommener Selbstläufer sind – sie widersprechen einer „objektivistischen“ Lesart des Kapitals, in dem dessen Zyklen allein von Konkurrenz und Krisen bedingt sind. Gerade weil die Arbeiterklasse als variabler (lebendiger) Kapital-Anteil unweigerlich zum Verwertungsprozess dazu gehört, hängen die Bedingungen und der Erfolg der Kapitalakkumulation auch erheblich davon ab, wie sich die Arbeiterklasse verhält. Während der realistische Flügel des Operaismus so eine unglaubliche Blickschärfe für die Analyse von Klassenverhältnissen und Produktionskreisläufen entwickelte, verstiegen sich Teile des Operaismus gar in einer Art „Klassen-Subjektivismus“, in der jede Krise des Kapitals die Ursache eigentlich in Klassenkämpfen hat.

Die Stärke des Buches „Der Himmel stürmen“ besteht darin, dass es durchaus Ambivalenzen in der Theoriegeschichte des Operaismus aufzeigt. So zeigt Steve Wright etwa, dass sich Teile des Operaismus so sehr in den Massenarbeiter vernarrten, dass sie glaubten, er allein könne die Revolution vom Zaun brechen und dass durch diese dogmatische Blickverengung nicht nur andere Klassen-Fraktionen sondern überhaupt das Leben jenseits der Fabrik (auch ein Massenarbeiter muss schließlich zu Hause schlafen und macht etwas in der Freizeit) vollkommen aus dem Blick gerieten. Andere Figuren wie etwa der „gesellschaftliche Arbeiter“ von Toni Negri blieben völlig unbestimmt und waren eher mythologischer Hoffnungsträger als eine analytische Kategorie mit Erklärungskraft. Auch wenn er es ausführlicher behandeln hätte können, zeigt Steve Wright auch, dass die Operaisten ein sexistischer Männerhaufen waren – Feministinnen wie Mariarosa Dalla Costa und Silvia Federici mussten sich von den operaistischen Männer-Gruppen trennen, um die Erforschung der Geschlechter- und Reproduktionsverhältnisse (dann eigenständig, etwa in Gruppen wie „Lotta Feminista“) vorantreiben zu können. Nichts destotrotz konnten die feministischen Gruppen auch von den Neuerungsimpulsen zehren, die der Operaismus in Gang gesetzt hatte. Und auch die dogmatische Versteifung auf den Massenarbeiter teilten nicht alle Operaisten – Teile der operaistischen Strömung entwickelten gerade eine Aufmerksamkeit für Belange der Freizeit, der Reproduktion, der Kultur und der Geschichte. Steve Wright hebt etwa lobend die Zeitschrift „Primo Maggio“ hervor – eine der späteren operaistischen Gruppierungen –, die vor allem einen Fokus auf eine kritische Geschichtswissenschaft legte, die Geschichte der Revolutionsversuche und untergründigen Klassenauseinandersetzungen erforschte und dabei einiges geleistet hat, was für uns heute immer noch von größtem Interesse ist.

Das Buch „Den Himmel stürmen“ schreibt eine Theoriegeschichte. Zwar illustriert Wright diese Geschichte auch immer wieder mit wichtigen Ereignissen der Klassenauseinandersetzung in Italien (was für eine Darstellung des Operaismus auch unabdingbar ist), aber ein vollständiges Bild der Bewegung im Italien der 60′er und 70′er Jahre zeichnet dieses Buch nicht. Hierzu sei etwa das Buch „Die Goldene Horde“ von Nanni Balestrini und Primo Moroni empfohlen, in dem die Autoren expliziter auf die Arbeiterautonomie, die Jugendrevolte und den bewaffneten Kampf in Italien eingehen. Nanni Balestrini ist auch Autor einer Roman-Trilogie, die von jener Zeit handelt. Wer sich erst einmal mit der Atmosphäre jener Zeit und dem Bewegungshintergrund beschäftigen will, aus dem der Operaismus hervorging, dem sei Balestrinis Buch „Die Unsichtbaren“ empfohlen. Das Buch zeichnet anhand der Erlebnisse des Ich-Erzählers nach, wie das Klima im Norden Italiens in den kleineren Städten war, wie für Viele jener Geration bereits die kämpferischen Auseinandersetzungen in der Schule prägend waren, wie sich die „diffuse Autonomie“ in den Stadtteilkämpfen und der Hausbesetzerbewegung radikalisierte, wie diese Bewegung die Verbindung zu den Kämpfen in den Fabriken suchte, wie sich ein Teil der Autonomie-Bewegung schließlich bewaffnete und in der Frage um die Militarisierung des Konflikts spaltete und wie sich zahlreiche Genoss_innen (ob nun bewaffnet oder nicht) in den Knästen wiederfanden und dort versuchten, die Kämpfe weiter zu führen. Diese Entwicklungen werden parallel nachgezeichnet – die verschiedenen Erlebnisse des Erzählers sind derart ineinander verschoben, dass der Eindruck einer Epoche entsteht, in der eine unglaublich konzentrierte Entwicklung vor sich ging: jeder Revolutionsanlauf ist eine Beschleunigung und Verdichtung von Geschichte. Dieser Endruck wird noch dadurch verschärft, dass Balestrini vollkommen auf Satzzeichen verzichtet hat – es gibt, ganz wörtlich genommen, keinen Punkt und kein Komma. Das Buch ist dabei im Rückblick sehr schonungslos – es zeigt eine unglaubliche Brutalisierung auch innerhalb der Bewegung und zeichnet schließlich eine umfassende Niederlage nach. Der Roman ist nicht ermutigend – aber er ist lehrreich, das heißt er zwingt uns dazu, einer Niederlage ins Auge zu blicken, ohne deren Erkenntnis kein Weg nach vorne weisen wird. Die Geschichte Italiens ist mit der Geschichte Europas und mit jener der weltweiten Klassenkämpfe verbunden – eine linksradikale Bewegung sollte sich diese Geschichte (in ihren praktischen und theoretischen Aspekten) aneignen, denn sie muss um ihre Vergangenheit wissen und braucht ein Bewusstsein davon, dass das Kapitalverhältnis und die ihm inhärenten Widersprüche und Konflikte eine globale Verstrickung sind.

Literaturhinweise:

Steve Wright, Den Himmel Stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin/Hamburg 2005.

Balestrini / Moroni, Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin/Hamburg 2002.

Nanni Balestrini, Die Unsichtbaren. Roman, Berlin/Hamburg/Göttingen 2001.

Deutsche Übersetzungen von wichtigen Texten des Operaismus im Netz.

Interview mit Christian Frings über den Operaismus und zur Kritik des Sozialstaats.