Archiv für Dezember 2010

Löcher in der Firewall

Update: Die Selbstbezichtigungs-E-Mail, auf die sich diese Meldung bezieht, hat sich als falsch herausgestellt!

Beim Surfen im Internet verlässt man sich in der Regel auf einen ganzen Sack voll Komponenten: Man hofft, das Betriebssystem ist einigermaßen sicher, die Leitung wird nicht abgehört, die Programme enthalten keine Schwachstellen und so weiter. Eine dieser Komponenten ist der DSL-Router — das Teil, dass per W-LAN oder Kabel den zuhause angeschlossenen Geräten eine Internetverbindung zur Verfügung stellt. Unter Umständen sind viele handelsübliche Router von einer Sicherheitslücke betroffen — weil im Auftrag des FBI vor 10 Jahren mehrere Hintertüren in die Netzwerk-Software des freien Betriebssystems OpenBSD eingebaut wurden.

Einer der beteiligten Programmierer_innen hat sich in einer jetzt öffentlich gewordenen Mail an den OpenBSD-Entwickler Theo de Raadt selbst bezichtigt, vor 10 Jahren im Auftrag des FBI mehrere Hintertüren in das freie Betriebssystems eingebaut zu haben. Betroffen war der sogenannte IPSEC-Stack, der für einen Teil der Sicherheit im Netzwerk verantwortlich ist. Noch heute relevant ist diese Enthüllung, weil es bei Open-Source-Software durchaus üblich ist, dass der Code von anderen Produkten aufgegriffen und weiterverwendet wird. Aus diesem Grund ist es nicht unwahrscheinlich, dass der damals manipulierte Code auch heute noch in Netzwerkkomponenten — wie z.B. handelsüblichen DSL-Routern — steckt.

Brisant ist an der Enthüllung weiterhin, dass die Manipulationen nicht aufgefallen sind. Ein starkes Argument für die Verwendung freier Software ist, dass der Code für jedermensch einsehbar ist und Fehler und Manipulationen deswegen schneller auffallen als bei nicht-offenern Programmen. Möglicherweise zeigt der Vorfall, daß die Möglichkeit, den Code zu überprüfen, nicht ausreicht, um Sicherheit zu gewährleisten — weil die Überprüfung eben nicht stattfindet.

Ob die Mail wirklich der Wahrheit entspricht, wird die jetzt anstehende Überprüfung des Codes zeigen. Auf jeden Fall macht der Vorfall deutlich, wie schwer einzuschätzen ist, ob man sich sicher im Internet bewegt. Wäre es also nicht wieder mal Zeit, zu überdenken, welche Information durch die Leitung geschickt werden muss.

Castor in Ingersleben (bei Erfurt) gestoppt

Mehrere Kleingruppen sind in der Nacht vom 15. auf den 16.12. durch die Thüringer Provinz rund um Erfurt gefahren, haben gefroren und Katz und Maus mit der Polizei gespielt. Am Ende standen 15 unmittelbar neben den Gleisen, wodurch der Zug für wenige Minuten gestoppt wurde. An einer anderen Stelle musste er zumindest bremsen. Die Initiative Wartegleis erklärte dazu:

Castor erfolgreich gestoppt!

„An die Gleise! Auf die Nerven!“– das war heute am 15.12.2010 um 23.30 Uhr das erfolgreiche Motto der Aktionsgruppen in Thüringen, die sich in der Aktion „Wartegleis“ zusammengeschlossen haben, um gegen den Castortransport von radioaktivem Atommüll zu protestieren. Erklärtes Ziel der Aktion war mittels Zivilen Ungehorsam „an — aber nicht auf — die Strecke gehen und versuchen den Castor mindestens zum Abbremsen zu bewegen.“

Die 80 bis 100 Leute haben dieses Ziel heute mehr als erreicht, denn einer der Gruppen von 15 Aktivist_innen gelang es in Ingersleben (kurz vor Erfurt) den Castor für mehrere Minuten zum stehen zu bringen. Andere Gruppen brachten den Castor mindestens zum abbremsen. So tauchten immer wieder unabhängige Aktionsgruppen an den Schienen auf, um mittels Warnwesten, Fackeln und Lampen auf sich aufmerksam zu machen.

„Die Polizei war offensichtlich überfordert mit den vielen Menschen, die sich an mehreren Stellen vor und nach Erfurt an die Schiene begeben haben“, so eine Teilnehmerin der Aktion. Das zeige einmal mehr, dass sich mit kreativen und phantasievollen Übertretungen von Gesetzen auch Einfluss nehmen lässt auf eine desaströse Energiepolitik. „Entscheidend für den Erfolg der Aktion war, dass alle autonom, mobil und nicht nach einer Logik, die einzelne Menschen und Gruppen vorgeben, gehandelt haben“, resümiert ein anderer Aktivist.

Somit wurde durch die Aktion „Wartegleis“ der Castortransport behindert und damit ein klares Signal hinsichtlich der Diskussion um die Abschaffung der Atompolitik gesetzt.

Das mit der Autonomie und Basisdemokratie lässt sich sicher noch optimieren. Aber der nächste Castor kommt bestimmt. Vielleicht schon im Februar.

Ergänzung: Auf http://wartegleis.blogsport.de/ gibt’s auch noch Bilder von der Aktion und der Anti-Castor-Demo am 15. in Erfurt.
Ergänzung: Das Abendblatt hat hier Bilder von den Protesten gegen den aktuellen Transport, darunter auch eines aus Ingersleben.

Mittelbau Dora – Die Gegenwart der Vergangenheit

Ein Reisebericht der AG17 zum Besuch der KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora in Nordhausen:

„linksextremistischer“ Gedenkstättenbesuch
Es scheint ein staatsgefährdender Akt zu sein, eine KZ-Gedenkstätte besuchen zu wollen. Durch „Ankündigungen auf linksextremistischen Internetseiten“ fühlte sich das Ordnungsamt Nordhausen gemüßigt, im Vorfeld die Gedenkstättenleitung „Mittelbau Dora“ vor uns zu warnen. Die Gedenkstättenleitung reagierte jedoch auf eine mögliche „Gefährdung“ durch Antifas gelassen. Schon ab Erfurt wurde unsere Reisegruppe durch die Polizei „intensiv bestreift“ (Fachjargon der Polizei). Das gleiche geschah in Nordhausen und direkt am Museumsgebäude der Gedenkstätte lungerten Zivilpolizisten mit Teleobjektiven herum.
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Bilder von Haus-Kundgebung und Antirepressions-Demo in Erfurt


Darum ging’s.

Das war die Kundgebung

und die Sponti.

Am nächsten Tag dann die Anti-Repressions-Demo

und ein Besetztes Haus am Schmidtstädter Knoten.

Castor auf’s Wartegleis!

Wartegleis für den CASTOR
Unter dem Label „Wartegleis“ ist geplant, den kommenden Lubmin-Castor in Thüringen zum Abbremsen zu bringen. Wer dabei sein will, trägt sich auf dem Blog http://wartegleis.blogsport.de in den SMS-Verteiler ein.

Erfurt: Diskussion über Erinnerung im Gewerbepark

Die Kampagne „Hände hoch-Haus her“ berichtet über eine Veranstaltung des Förderkreis Topf&Söhne zum Thema „Erinnerung im Gewerbepark“. Anlass waren Werbeanzeigen, auf denen mit „ofenfrischen Brötchen“ oder „Alles für die Grabgestaltung“ für Geschäfte „auf dem ehemaligen Topf & Söhne Gelände“ geworben wurde. Daraufhin hatten Prominente aus Linkspartei, Gewerkschaften und VVN/BdA zusammen mit dem Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora erklärt, die Werbung sei nicht nur pietätlos, sondern auch eine Verunglimpfung der Opfer und ihrer Angehörigen. Die Kampagne „Hände hoch – Haus her“ hatte ergänzt, der unrflektierte und unsensibele Umgang mit dem Geschichtsgelände sei skandalös.

Die bei der Veranstaltung anwesenden Gewerbetreibenden haben die Kritik ohne Umschweife akzeptiert. Sie sind bereit, ihre Werbetexte zu ändern und nicht mehr mit dem Namen der Firma Topf & Söhne Werbung zu betreiben.

Anders der Förderkreis. Laut der zukünftigen Leiterin des Erinnerungsorts Topf&Söhne Dr. Schüle sei die Kritik an der Werbung nur ein weiterer Angriff von denjenigen, die auf dem Gelände lieber noch das Besetzte Haus sehen würden. Um das zu belegen, hatte Dr. Schüle in detektivischem Eifer die UnterzeichnerInnen der aktuellen Presseerklärung mit den UnterstützerInnen mehrerer Offener Briefe vergleichen, die 2008 den Erhalt der Besetzung gefordert hatten — drei der aktuellen KritikerInnen waren auch unter den 30 damaligen UnterstützerInnen.

Weiter heißt es bei haendehoch:

Dem Überlebenden von Buchenwald, der in dem offenen Brief zitiert wurde, seien seine Wort vielleicht nur in den Mund gelegt worden. Nicht ernst genommen zu werden, ist eine Erfahrung, die wir in Bezug auf den Förderkreis leider schon längst machen mussten. Positiv sieht der Förderkreis die Kontinuität, dass heute wie damals Topf & Söhne eingebettet sei in Handel und Alltag. Dies sei Teil einer „produktiven Irritation“ (was übrigens kein Fachbegriff ist). Bei soviel Kontinuität und Produktivität kann einr/m schon mal das Kotzen kommen…!

Dem können wir uns anschließen.

Darüber hinaus weist die Kampagne darauf hin, dass die Ausschließlichkeit, mit der der Förderkreis heute den Erinnerungsort gegen die früher selbst geforderten alternativen Formen der Auseinandersetzung auf dem besetzten Teil stelle, allein daraus resultire, daß sich der Förderkreis der Entscheidung der Stadt – kurz gesagt „Erinnerung nur mit Investor“ – ohne zu mucken untergeordnet habe.

Zu ergänzen gibt es noch, dass man der Berichterstattung in der Lokalpresse sehr gut ansieht, daß die Reporterin, die für beide Lokalzeitungen den Artikel geschrieben hat, die Veranstaltung nach 15 Minuten verlassen hat und sich den weiteren Verlauf auf die Auskunft der städtischen Erinnerungsbeauftragten Dr. Schüle verlassen hat.

Für Heiterkeit sorgte der Philosoph Bender indem er unmittelbar nach der Aufforderung, fair und sachlich miteinander umzugehen die BesetzerInnen in drei Sätzen mit gleich vier beleidigenden Attributen bedache — nachdem er zu Beginn der Veranstaltung durch elegante Redeleitung versucht hatte, die Beteiligung an der Diskussion auf die anwesenden FunktionsträgerInnen zu beschränken.

Das ist Pressefreiheit und Konsensgesellschaft in Kackstadt Erfurt.

Kreuzzügler auf dem Weg nach Erfurt

Auf Einladung des Bundespräsidenten Christian Wulff wird sich der sogenannte „Heilige Vater“, Papst Benedikt XVI., 2011 nach Deutschland begeben. Es wird der erste offizieller Staatsbesuch als Staatsoberhaupt der Vatikanstadt (44 ha und 543 Staatsbürger). Auf seiner Liste der heimzusuchenden Orte stehen Berlin, Freiburg i.Br. — und Erfurt.
Aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen war zu hören, dass der Besuch für September 2011 geplant ist.

Mit dem Papst steht ein eher unangenehmer Besucher vor den Stadttoren: Er hetzt gegen Homosexuelle, hält Verhütungsmittel für Teufelszeug und pflegt beste Beziehungen zur antisemitischen Piusbruderschaft.

Wenn ein umstrittenes Staatsoberhaupt kommt, gehört es eigentlich zum guten Ton, mindestens eine Gegendemo zu organisieren… Wer macht’s in Erfurt 2011?

Erfurt: Straßentheater gegen Repression

In Erfurt haben gestern insgesammt etwa 120 Leute gegen Repression demonstriert. Um visuell deutlich zu machen, wie eine repressive Auslegung des Demonstrationsrechts seine Intention ad Absurdum führt, hatten die OrganisatorInnen neben den 70 eigentlichen TeilnehmerInnen eine 50köpfige Laienspielgruppe engagiert, die in Polizeiuniformen rund um die Demonstration einen geschlossenen Kordon bildeten, so dass nach Außen wirklich nur die Repression und keine andere politische Botschaft sichtbar wurde. Nach der Hälfte der Route wurde die Demonstration aufgelöst. Viele Kleingruppen haben danach im ganzen Stadtgebiet mit Straßentheateraktionen die Absurdität von Repression gezeigt, indem einfach alle Leute unter 30 in dunkler Kleidung kontrolliert und durchsucht wurden.
Die hässliche Fratze der nach innen und außen aufgerüsteten BRD wurde damit für alle PassantInnen sehr deutlich demonstriert. Danke an alle Beteiligten.

Zur Erinnerung: Kleine Brötchen und große Eisenbahnzüge

7.12., 18:00 Uhr, Diskussion über die segensreichen Beiträge von Industrie und Gewerbe zur Erinnerungskultur in Elmi’s Drive-In-Bäckerei auf dem ehemaligen Topf&Söhne-Gelände (da, wo unser Haus stand…).
14.12., 17:00 Uhr, Start an der Staatskanzlei in Erfurt – Anti-Castor-Demo. Bringt alles mit, was strahlt! Mehr auf http://graustufen.blogsport.de/.